Bay`ah im Tasawwuf
Einige Sufis haben den Tasawwuf als das Wissen des Nutzens der Zeit, in der man sich befindet, beschrieben. Da das Gestern vorbei ist kann man nichts mehr verändern oder verbessern.
Der morgige Tag ist unvorstellbar und unfassbar. Aus diesem Grund halten sie es für sehr wichtig die Zeit zu nutzen und nicht zu verschwenden. Da die Tarbiyyah des Tasawwuf von Herz zu Herz funktioniert muss man Bay`ah bei einem lebendigen und befugten Murshid machen.
Bay`ah kommt aus dem Arabischem und bedeutet lexikographisch „Anerkennung,Zustimmung, etc.“ Von den heutigen Mutasawwifiin wird diese Bay`ah auch mit anderen Wörtern wie „Inabah“, „Hand nehmen“ oder „Tawbah begehen“ beschrieben. Diese Bay`ah ist ein Versprechen zwischen Darwish und Shaykh.
Bei diesem gegenseitigem Versprechen verspricht der Shaykh dem Murid sich seiner Tarbiyyah und Verbesserung zu widmen und der Sufi verspricht den Befehlen und Ratschlägen des Murshids zu folgen. Durch die Bay`ah nimmt der Sufi sich den Murshid auf dem Weg der Praktizierung des Islams zum Wegweiser. Ein Murid ist verpflichtet seinem Shaykh zu folgen und treu zu bleiben, ob ihm seine Befehle gefallen oder nicht.
An dieser Stelle ist es auch nützlich folgendes zu erwähnen, nämlich dass der Bereich dieser Bay`ah mit der Praktizierung des Din jedes Einzelnen zu tun hat. Natürlicherweise haben die Befehle und Ratschläge des Shaykh auch nur mit diesem Bereich zu tun. Es ist zu beobachten, dass manche Gruppierungen dieses Verhältnis mit anderen Bereichen (Siyasah,Ideologie,Handel) verbinden, die außerhalb des Dienertums liegen und Sache der Gemeinschaft sind. Aus diesem Grund haben sie Zweifel an der Taslimiyyah des Murids seinem Shaykh gegenüber.
Denkt man jedoch ein bisschen nach erkennt man leicht, dass der Murshid auch ein Sufi ist und die Tariqah sich mit den Erfordernissen und den Feinheiten des Dienertums beschäftigt.
Die anderen Bereiche gehören zum Aufgabenbereich der jeweiligen Muslime, die sich damit beschäftigen.
Bay´ah ist eine Handlung, die durch Qur´an, Sunnah und Ijmaa´ festgelegt ist. Schließlich sprach Allah, der Erhabene, im Qur´an zu unserem Propheten (s.a.s):
„Gewiss, diejenigen, die dir gegenüber Bay`ah leisten, leisten eigentlich Bay`ah Allah gegenüber. Allah bekräftigt ihren Handschlag. Wer ihn bricht, der bricht (ihn) nur gegen sich selbst, und wer das erfüllt, wozu er sich Allah gegenüber verpflichtet hat, dem wird Er eine riesengroße Belohnung gewähren.“ (Al-Fath,10)
Dem Gesandten Allahs (s.a.s) Bay`ah zu leisten bedeutet Allah ein Versprechen zu geben und nach dem Ijmaa´ der Mufassiruun ist dem, der Bay`ah leistet, die Kraft und Hilfe Allahs versprochen. Die Mufassiruun sind sich darüber einig, dass dieser Vers allgemeingültig ist, auch wenn er für die offenbart wurde, die unter dem Baum bei Hudaybiyah Bay`ah leisteten.
Also nehmen die Murshiduun, die Erben des geistigen Wissens von Rasuulullah (s.a.s), die Bay´ah der Ummah im geistigem Bereich in seinem Namen an.
Bay`ah Ar-Ridwaan
„Gewiss, bereits ist Allah zufrieden mit den Muminuun, als sie dir Bay`ah unter dem Baum leisteten, dann wusste Er, was in ihren Herzen ist, dann sandte Er die Herzensruhe über sie und belohnte sie mit einem nahen Sieg.“ (Al-Fath,18)
Der Gesandte Allahs (s.a.s) und ca. 1400 seiner Ashaab gingen im 6. Jahre der Hijrah zusammen nach Makkah mit der Absicht zur Umrah. Als sie bei Hudaybiyyah ankamen wurde Uthmaan (r.a) als zweiter Bote nach Makkah geschickt, nachdem der erste Bote verdroschen zurück geschickt wurde. Uthmaan (r.a) wurde von den Bewohnern Makkahs unter Beobachtung gestellt und unter der Ashaab verbreitete sich die Meinung, dass Uthmaan (r.a) den Märtyrertod starb. Daraufhin bestimmte der Gesandte Allahs (s.a.s) einen Boten und er sagte zu der Ashaab: „Wisset! Dem Gesandten Allahs (s.a.s) erschien Ruuh Al-Quds. Er befahl ihm die Bay`ah.“ Und er lud die Ashaab (r.anhum) dazu ein die Bay´ah beim Gesandten Allahs (s.a.s) zu leisten.
Die ganzen Ashaab leisteten im Namen Allahs die Bay´ah. Die war unter dem Samirah-Baum. Der Gesandte Allahs (s.a.s) saß unter dem Baum und nahm der Ashaab die Bay´ah ab. Die Ashaab versprachen dem Gesandten Allahs (s.a.s) auch wenn es ihr Leben kosten würde, nicht vor dem Krieg zu fliehen oder zurückzuweichen. Der Gesandte Allahs (s.a.s) sprach zu ihnen: „Ihr seid Heute die Besten/Vorzüglichsten unter den Geschöpfen auf Erden“
Nach der Bay´ah der Ashaab legte der Gesandte Allahs (s.a.s) seine rechte Hand auf seine Linke und sprach: „Dies ist die Bay´ah von Uthmaan“, diese Tat ließ die Herzen der Ashaab höher schlagen.(1)
Nach der Überlieferung Elmali Hamdi Efendis von den Beweisen Bayhaqis wurde die Bay´ah geleistet, indem die Hand des Gesandten Allahs (s.a.s) gehalten wurde.
Nur eines sollte man beachten und zwar sollten diejenigen, die die Meinung vertreten dass man die Bay`ah nur einem Uulul-Amr (Staatsoberhaupt) leisten kann, wie bei Hudaybiyyah, sollten nicht vergessen dass die erste Bay`ah in der islamischen Geschichte bei Aqabah stattfand. Die Bay`ah bei Aqabah fand während der letzten Jahre in Makkah statt. Durch diese Bay´ah öffneten sich die Tore zur Hijrah und zum Zeitpunkt der Bay´ah war der Gesandte Allahs (s.a.s) kein Staatsoberhaupt.
Betrachten wir die Bay`ah bei Aqabah, welche während der Hajj-Monate im 12. Jahr der Hijrah stattfand, wo zwölf Bewohner Madinahs dem Gesandten Allahs (s.a.s) die Bay`ah gaben, so sehen wir die Grundlage dieser Bay`ah, nämlich die Praktizerung des Islams, dem Gesandten Allahs Treue und Gehorsam zu leisten. Vor allem die erste Bay´ah war/ist für die großen Persönlichkeiten des Tasawwufs ein großer Beweis für die Bay´ah, die sie ihren Gefolgsleuten abnahmen.
„Ihr, die den Imaan verinnerlicht habt! Gehorcht Allah und gehorcht dem Gesandten und den Verantwortlichen unter euch. Und wenn ihr euch über eine Angelegenheit streitet, dann legt sie Allah und seinem Gesandten vor, solltet ihr den Imaan an Allah und an den Jüngsten Tag verinnerlicht haben. Dies ist besser und hat einen besseren Abschluß.“ (An-Nisaa´,59)
Die Ansicht der meisten Mufassiriin ist, dass mit „den Verantwortlichen“ die Ulamaa gemeint sind.
In diesem Punkt ist wichtig wem man Bay´ah leistet. So wie es heutzutage Honigfälscher gibt, gibt es auch falsche „Shuyuukh“. Die wahren Shuyuukh verbreiten Rosenduft und die Falschen nutzen die Menschen aus. Im Osmanischen Reich gab es kaum solche, denn die Versammlung der Mashaayikh kontrollierte die Shuyuukh. Leider ist heutzutage die Ehre und geistige Gesundheit sogar der Imaan gefährdet, wenn man sich in Händen von solchen Scharlatanen befindet. Diejenigen, die am meisten unter dieser Situation leiden, sind die wahrhaftigen Gefolgsleute des Tasawwuf.
Ein Murschidi-Kaamil ist vor allem selber erzogen (Tarbiyyah), ist von schlechten Charaktereigenschaften (Tazkiyyah) Geist und Herzkrankheiten befreit. Jede Verhaltensweise, jedes Wort und jede Tat muss wie die des Gesandten Allahs (s.a.s) sein. Er erkennt keine Verhaltensweise an, die nicht der Verhaltensweise des Gesandten Allahs (s.a.s) entspricht. (2)
In Adaabi-Fathullah, ein grundlegendes Buch der Naqshibandiyyah-Khaalidiyyah, wird erwähnt, dass ein Shaykh ein Gelehrter der Shari´ah (´Aalimi-Shari´ah) und ein Praktizierender der Shari´ah (´Aamili-Shari´ah) sein muss. Er muss ein Gelehrter der islamischen Wissenschaften sein und dieses Wissen auch bei sich selbst anwenden.
Sie sind folgende Personen:
„ Wenn du zu ihnen kommst weicht dein Kummer und deine Trauer und in dir erwacht Ruhe.“ (3)
Schließlich sprach der Gesandte Allahs (s.a.s):
„Ein Freund einer Versammlung der Saalihiin ist wie ein Besitzer von Moschus. Auch wenn er dir nicht von seinem Duft gibt, so bekommst du trotzdem etwas von seinem Duft ab.“ (4)
Diese Überlieferung erklärt, dass Kummer und Hartherzigkeit vom Herzen gehen, wenn man sich in einer Versammlung mit Menschen befindet, die alles außer Allah vom Herzen entfernt und keine weltlichen Ängste und Sorgen in ihm haben.
In dem Buch „Miftaahul-Quluub“ von Ahmad Shamsaddin Marmarawiyy (k.s) steht unter den Anzeichen eines Murschids:
„Alle, die ihn besuchen, ob klein ob alt und sogar das Staatsoberhaupt, küssen seine Hand und sind zufrieden wenn sie ihn um Du´a bitten.“
Denn auch in einer Überlieferung heißt es:
„ Die Awliyaa´ sind die, die an Allah erinnern, wenn man sie sieht.“ (5)
Wie unterscheidet man zwischen einem wahrhaftigen und einem falschen Shaykh?
Zur Zeit der Osmanen beschäftigte sich die Versammlung der Mashaayikh damit. Das Diplom (´Ijaazah) wurde von der Versammlung sehr wichtig genommen. Wer ein Diplom hatte und die Praktizierung der Gebote und Verbote vernachlässigte oder seine Anhänger zum Verbotenen führte, wurde seines Postens enthoben. Durch diese Maßnahmen wissen wir und nehmen wir zur Kenntnis, dass diejenigen, die sich als Shaykh ausgeben, bei der Einhaltung der Gebote und Verbote nachlässig sind.
Speziell der unislamische Umgang mit Frauen ist für uns ein Hinweis. Ein anderer wichtiger Punkt ist das materielle Verhältnis, denn jemand, dem man folgen soll, darf für seinen Irshaad und Islaah keinen Lohn nehmen.(6)
Ein weiterer Beweis sind Verhaltensweisen, die gegen die Regeln der Tariqah und des Anstands verstoßen.
Die Wichtigkeit bei einem lebendigem Murschid Bay`ah zu leisten
Der Mensch braucht einen lebendigen Murschid, der ihm seine Krankheiten und den Weg zur Heilung zeigt. Er zeigt ihm wie man geistige Bedrücktheit, welche von Zeit zu Zeit kommt, überspringt. Er braucht einen Führer, der selbst erzogen ist (Tarbiyyah), die Listen des Nafs und des Shaytaans und den Weg zur Rettung kennt. Die Notwendigkeit der Bay´ah bei einem Shaykh liegt genau bei diesem Punkt.
Eine der größten Krankheiten ist das Selbstgefallen. Wie soll jemand, der sich selber gefällt und für vollkommen hält, seine anderen Fehler einsehen? Kann jemand, der sich selbst gefällt, von sich selbst aufrichtig sagen, dass er in sich Riyaa` hat? Es gibt keinen Menschen der darauf mit „Ja“ antwortet. Denn würde derjenige, der sich selber gefällt, bei sich Fehler sehen, dann würde er sich nicht selber gefallen. Also muss er bei einem Shaykh, der erzogen und von schlechten Charaktereigenschaften befreit ist, Bay`ah leisten um so seinem geistigem Kreis beizutreten.
Ein Mensch kann medizinische Bücher lesen. Er kann eine gewisse Professionalität erreichen. Er kann sogar durch dieses Wissen aus Büchern leichte Krankheiten wie die Grippe behandeln. Aber wenn er versucht eine leichte Blinddarmoperation durchzuführen ist es klar, dass der Patient in den ersten Minuten sterben wird.
Nur durch Bücher lesen kann keiner Arzt werden oder von sich behaupten, dass er Arzt wäre. Er muss zu einer medizinischen Fakultät und studieren um ein Diplom zu bekommen, welches zeigt, dass er ein berechtigter und kompetenter Arzt ist.
Genauso ist jemand, der alleine Bücher liest und versucht sich selber zu erziehen, ohne sich einer geistigen Erziehung bei einem Murshid zu unterziehen und Bay´ah zu leisten.
Auch wenn er sein ganzes Leben damit verbringen würde ist es offensichtlich, dass er keinen Millimeter weiterkommt. Die eigene Tazkiyyah ist keine Sache, die man alleine machen kann.
Wie gefährlich und durcheinander der Kampf gegen den Nafs sein kann, haben die Mashaayikh in ihren Werken gründlich erklärt. Der Zustand derer, die auf eigene Faust diesen Weg gehen wollen, ist zum weinen. Schließlich ist Ghulam Ahmad Kadiyani ein lehrreiches Beispiel dafür. Um zu beweisen, dass der Islam vorzüglicher als der Buddhismus ist, betrat er den Weg der Riyaadah und Mujaahadah. Jedoch bevor er am Ende des Weges ankam hielt er sich leider für einen Propheten. Ist man aufmerksam erkennt man auch ähnliche Beispiele in unserem Land.
Um eben solche Ergebnisse zu vermeiden und gesund ans Ende des Weges geführt zu werden muss man die Bay´ah bei einem vertrauenswürdigem Murshid leisten.
So wie man die anderen Wissenschaften wie ´Aqida, Fiqh, Tafsiir usw. von Gelehrten erlernt, so muss man auch den Tasawwuf von befugten Personen erlernen.
Das dies so ist, ist nicht unsere sondern die Erklärung der Gelehrten des Tasawwuf, welche dieses Wissen auf einem sicheren Weg von den Ashaab lernten. Sie sind die Autoritäten des Tasawwuf, so wie andere Personen in ihrer eigenen Branche kompetent sind. So wie die Ashaab vom Gesandten Allahs (s.a.s) erzogen wurden, so kann jeder Muslim erzogen werden. Niemanden kann man jedoch zum Tasawwuf zwingen, es ist eine Herzensangelegenheit, die auf Freiwilligkeit beruht.
(1)Ahmad bin Hanbal,Musnad,II,120.
(2)Miftaahul-Quluub.
(3)MIftaahul-Quluub.
(4)Abuu Daawud,Adab,19.
(5)Tafsiir An-Nasaai,6/362.
(6)Al-Yaasiin,21.
Aus der Zeitschrift „Gülistan“.
http://www.gulistandergisi.com/dergi_oku.php?id=321
Übersetzt von Sadiq al-Muharib

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